Seattle

Seattle, die lebendige Metropole am Puget Sound mit dem gelungenen Mix aus Historischem und Moderne, ist alleine schon wegen seiner Lage, eine einmalige Mischung aus Bergkulisse, immergrünen Regenwäldern und grandiosen Ausblick auf den Pazifik, eine der attraktivsten Städte Nordamerikas.

Der Pike Place Market, das Zentrum Seattles

Warum Seattle

Ich hatte zwar eine vage Vorstellung von meinem neuen Projekt über die Pazifikküste Nordamerikas, aber wie ich das Unterfangen umsetzen und worauf ich den Fokus legen wollte, darüber musste ich mir noch klar werden. Zuhause im Büro entstehen zwar die Ideen, aber selbst eine geballte Ladung Internet, Filme und Bücher können einen Aufenthalt vor Ort nicht ersetzen. Du musst die Atmosphäre spüren, mitten drin sein und sie aufsaugen mit allen Sinnen. Ich kaufte mir also ein Ticket und Ende Juli 2019 landete ich für drei Wochen in Seattle, der Stadt am Puget Sound, die auch «Emerald City» genannt wird, und zwar wegen den tiefgrünen Wäldern, die die Pazifikküste säumen. Wer jetzt darauf schließt, dass es hier viel regnet, der liegt durchaus nicht falsch, obwohl es viel schlimmere Regenlöcher in den USA gibt. Die größte Stadt im Nordwesten der USA hat einiges zu bieten und man versteht plötzlich warum Tom Hanks und Meg Ryan in «Sleepless in Seattle» einfach nicht zur Ruhe kommen wollten. 

Die liberale Atmosphäre der Stadt inspiriert und hat nicht nur bekannte Filme und Serien wie «Greys Anatomy», sondern auch weltberühmte Freigeister und Musiker wie Jimi Hendrix, Quincy Jones und Ray Charles hervorgebracht. Der Grunge Sound fand seinen Weg aus den Hinterhofgaragen in die Welt hinaus und katapultierte Nirvana mit ihrem exzentrischen Sänger Kurt Cobain in den Musikorbit der 90er Jahre. Paul Allen, der Mitbegründer von Microsoft war Computer- und Musik Nerd zugleich und finanzierte mit seinem märchenhaften Reichtum aus der Softwarebranche, den irrwitzigen Bau des «Museum of Pop Culture», in dessen Katakomben sich jeder als Musiker versuchen kann.   

Seattle ist anders

Der internationale Geist der Stadt steht im Ruf, anders zu sein als andere US-Metropolen. Die Menschen sind liberaler, sozialer, politisch engagierter und gleichzeitig verschlossener, eigenbrötlerischer und schrulliger als in weiten Teilen der USA. Als Mitteleuropäer ist man hier sofort zuhause. Einzig die überdimensionierten Verkehrsadern und die Sattelschlepper mit langgestreckten Motorhauben, die in irrem Tempo mit dem dichten Verkehr durch die Stadt donnern, erinnern daran, dass Europa zehn Flugstunden ostwärts liegt.

Weltumspannende Konzerne wie Microsoft und Amazon, Expedia und Boeing haben hier ihren Hauptsitz. So auch Starbucks, die größte Kaffeehauskette, die ihren Eroberungszug rund um den Globus 1971 am Pike Market begann. Der Shop, mit dem alles anfing ist Kult und gilt als der heilige Gral des weltweiten Bündnis von Kaffeejunkies, die in einer nie abreißenden Schlange vor dem Laden auf Einlass warten, um drinnen mit einer Tasse Cappuccino den Höhepunkt ihrer Pilgerfahrt zu feiern. 

Seattle hat Geschichte

Seattles Siegeszug begann mit dem Dampfer Portland, der 1897 mit einer Tonne Gold aus dem Klondike im Norden Kanadas anlegte und damit den Grundstein für den größten Goldrausch der amerikanischen Geschichte legte, der wiederum dafür sorgte, dass die Stadt in kürzester Zeit zum Wirtschafts- und Handelszentrum des Nordwestens aufstieg. Mitten in dieser Aufbruchstimmung bestieg der amerikanische Schriftsteller Jack London das Schiff nordwärts nach Skagway Alaska und reihte sich ein in die gesichtslose Schlange der über hunderttausend Glücksritter, die meist vergeblich versuchten am Klondike der bitteren Armut in Amerika zu entkommen. Skorbut zwang Jack London nur ein Jahr später zur Aufgabe. Mit leeren Händen, aber mit dem Kopf voller Geschichten kehrte er zurück in seine Heimatstadt San Francisco, wo er nur ein Jahr später die Bücher «Ruf der Wildnis» und «Wolfsblut» veröffentlichte und damit zu einem der berühmtesten und reichsten Autoren seiner Zeit aufstieg.

Bedeutendste Stadt im Nordwesten der USA

Mit Seattles Skyline vor Augen und seinem dominierenden Wahrzeichen, der Space Needle, dem 184m hohen Turm, der für die Weltausstellung 1962 aus dem Boden gestampft wurde, reifte in mir mein neues Projekt eines Road Trips entlang der Pazifikküste Nordamerikas von Kalifornien nach Alaska. Eine Fahrt entlang der pittoresken Meeresküste, mitten durch die dynamischste Gegend der Welt, die unsere westliche Kultur seit den 1950er Jahren in Sachen Musik, Film, Technologie und soziale Medien entscheidend prägte und immer noch prägt. Dazu kommt die wilde Natur, deren steile Ufer gesäumt sind mit Tannen, Zedern und Fichten und so den größten, zusammenhängenden, gemäßigten Regenwald der Welt bilden, dem artenreichsten Lebensraum der gemäßigten Klimazone. Die Tlingit und Haida Indianer sind in dieser zerklüfteten Fjordlandschaft zuhause, genauso wie Bären, Wölfe, Adler und Wale.

Der Ausbruch des Corona Virus stellt diese Pläne nun in Frage. Andere Sachen sind wichtiger geworden, unmittelbarer und so ist es nicht wirklich von Bedeutung wann und ob es überhaupt in absehbarer Zeit möglich sein wird, die oder eine andere Reise zu realisieren. Hauptsache ist, wir bleiben gesund. Aber träumen ist ja immer noch erlaubt und wer weiß, vielleicht wird der Traum eines Tages wahr. Aber was mich dann am meisten dabei freut ist, wir haben die Pandemie hinter uns gelassen.  

© 2020 by Thomas Sbampato